Liebe Freunde und Trauernde um Ralf,
Mit Ralf verband meine Frau Barbara und mich und noch viele andere die Liebe zu Neapel. 13 Jahre war ich lutherischer Pfarrer in dieser Stadt. Eine ganz einfache Liebe war es nicht. Nicht so eine wie die, mit der man seine Mutter liebt. In ihrer Anziehungskraft hatte sie sogar etwas Lästiges. Die Verfilmung des ersten Romans der Ferrantes - Ihr wißt schon, das ist die, die die geniale Freundin geschrieben hat, und nicht sagen wollte, wie sie heißt, machte diese Beziehung zum Thema. Er hieß genauso: amore molesto - die lästige, die quälende, die belästigende Liebe. Ralf hatte ihn bestimmt gesehen. Wir alle haben ihn in Neapel gesehen. Es war eine Liebeserklärung von ganz besonderer Art. Weder Verklärung noch emotionsloses aneinander hängen.
Etwas ganz Verwandtes drückte, wenn auch auf einem anderen Feld, eine Schrift aus, die an den Wänden der Stadt erschien. Neapel hatte den scudetto gewonnen, das ist die italienische Fußballmeisterschaft: Da stand dann: Napoli, campione d’africa. Neapel, afrikanischer Fußballmeister.
Es hatte so etwas Bitterleuchtendes.
Wir Napoletaner sind die Abgehängten Italiens, wir gehören ganz zum Süden, aber - wir sind auch etwas ganz besonderes, wir eine eigene Welt, die Euch Nordlichter besiegt hat.
Es erfordert einen langen Atem, sich in dieser Stimmung zu Hause zu fühlen. Es ist aber zugleich auch ein Bildungsprozess, der dich formt, der dir Form gibt.
Ralf wird sich große Mühe gemacht haben, in diese Welt einzutreten. Sich in dieser besonderen Stadt zu Hause zu fühlen.
Denn nur Neapel ist so. Ischia und Capri, das ist etwas ganz anderes. Die Ischitaner und Capresen haben Angst vor Neapel.
Ralf hatte bestimmt eine gute Vorbereitung auf Neapel durch seine Dissertation lange Beschäftigung mit Leonardo Leo, über den er promoviert wurde.
Leonardo Leo war ein bedeutender Komponist und Musiklehrer in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Indem er sich mit ihm und seiner Zeit auseinandersetzte, trat er zugleich in die vom qualmenden Winterfeuer geschwärzten Bögen und Arkaden des Centro storico ein. Über Jahrhunderte blieb das Centro storico Neapels immer gleich. Die Straßen aus von Hand bearbeitetem schwarzblauen Basalt. Die sieben, acht, zehn Meter hohen Eingangsportale der Paläste, die unten eine kleine leicht zu öffnende Tür für die gewöhnlichen Besucher bereithalten, ganz ähnlich einer Katzenklappe.
Ralf kam von Rom nach Neapel. Man mag einander nicht, man kann nicht beiden Städten dienen, sondern muß sich entscheiden.
Sie sind auch sehr verschieden.
Neapel war immer volkreich, quoll über. Eine Gesellschaft ständig unterwegs, un popolo in piedi. Das Zeichen dafür ist die Eleganz strahlende Bar. Zur Alltagsausstattung des Neapolitaners gehörte die Technik, jedweden anderen elegant zu begrüßen und sich ebenso elegant von ihm zu verabschieden. Voraussetzung ist, dass man selbst durch Kleidung zu erkennen gibt, dass man dazugehört.
Warum ich hier ausführlicher geworden bin, erklärt sich im nächsten Abschnitt.
Ferdinand Freiligrath war es wohl, der gesagt hatte: Es ist unmöglich, aus einem Westfalen einen eleganten Menschen zu machen. Ralf kam aus Essen, ich aus Bielefeld, Freiligrath kam aus Detmold mit einem Hang nach Soest.
Mag es auch überall unmöglich sein, aus einem Westfalen einen eleganten Menschen zu machen, Neapel kann es. Die Kleidung sitzt, der Gang wird freier, Freundschaften gelingen und dauern. Man lernt zu reden und geht aus sich heraus. Aus sich herausgehen, das ist da wo ein Westfale gewöhnlich nichts verloren hat und auch nichts sucht. Freundschaften entstehen, ohne zuvor gemeinsam einen Sack Salz gegessen zu haben. Ralf hatte viele Freunde in Italien, einige sind auch gekommen, andere haben Botschaften gesendet. Zum Beispiel Biagio Terracciano, der Leiter des Chores „Dimensione Polifonica“. Er schrieb auf die Nachricht von Ralfs Tod: Das tut mit sehr leid, auch weil Ralf mit dem Chor so viele Sachen zusammen gemacht hat. Du erinnerst Dich an die Aufführung eines Oratoriums von Leonardo Leo in Pietro a Maiella (der Musikhochschule in Neapel). Er hatte dieses Oratorium, Dixit Dominus, von Leonardo Leo in Evora in Portugal entdeckt. Wir haben es dann in der Musikhochschule aufgeführt, an deren Vorgängerin Leonardo Leo bis 1744 Musiklehrer gewesen ist. Wenn wir im nächsten Jahr nach Berlin kommen, werden wir dies Oratorium ihm zu Ehren aufführen.
Als zum Ende der neunziger Jahre und zu Beginn dieses Jahrhunderts ein nationalistischer Wind durch Italien ging, verloren viele nicht Italienischen Dozenten ihre Anstellung. So ist es auch Ralf ergangen. Er hat dagegen geklagt, in Teilen auch gewonnen, aber das brachte ihm seine Anstellung nicht zurück.
Nur nach Deutschland.
Schocktherapie - meistens aber nur Schock ohne Therapie.
Weil unserem Land so gar nichts Afrikanisches eignet, und seinen Bewohnern noch weniger, macht sich bei den Heimkehrern bald Afrika bemerkbar. Genauer das, was man mal d’afrique, oder eben mal d’Africa nennt. Das ist zwar auch ein Rotwein aus dem südlichen Sizilien, von Giusto Occhipinti aus Vittoria, schwer und träumerisch, aber es bedeuted eben auch ein schweres Leiden. Es kann alle diejenigen befallen, die aus eine anderen Kultur wieder zurückkehren. Wer immer bleibt, wo er geboren wurde, weiß davon nichts. Er wird dies Leiden für eine Simulation halten, für hochmütige Undankbarkeit. Vielleicht auch noch als die gerechte Krankheit ansehen, die die befällt, denen die Heimat nicht gut genug war, so dass sie die Fremde vorgezogen haben. Damals haben wir das Fürchten nicht beim Auszug gelernt, sondern erst nach unserer Rückkehr.
Da ist es Ralf nicht anderes gegangen.
Wir alle fragen uns, warum er so früh und unerwartet gestorben ist. Warum sein Herz für so lange still stand, obgleich es doch gesund war?
Ich glaube er hat hier keinen Platz gefunden, auf dem er sich ungeschützt und unbesorgt niederlassen konnte. Mir ist als müßte ich sagen: Mitten unter uns ging er stehend Ko.
Er starb wohl auch an uns.
Vielleicht sage ich das zu hart. Aber sein früher Tod ist doch auch eine nicht so leicht abzuwerfende Last.
So einen klugen, begeisterten, kundigen Mann haben wir einfach gehen lassen. Einer, der wußte, wie man Forschungsergebnisse in schöne, klingende Sprache bringt. Seine Rundfunktexte im Deutschlandfunk. Die sehr schöne Arbeit „Die Musik im Leben von Carl Gerhardt. Leider nur erst als Privatdruck zu erhalten. Wieviel Verständnis und Erfahrung brachte er mit für dieses von Musik durchtränkte Leben. Damit brachte Ralf seine reiche Erfahrung zu Papier.
Ich weiß aber, wie das ist, wenn man von seinen Erfahrungen nicht genügend mitteilen kann, weil sie kaum einen interessiert.
Ich war 15 Jahre mit meiner Frau in Italien. Immer als Pfarrer in mehreren Gemeinden und Kirchen. Seit ich 2001 zurück in Berlin bin, hat mich noch niemand aus der Kirche nach meinen Erfahrungen in Italien gefragt. Buchstäblich niemand. Dies hier ist nicht das Land der Neugierde und der Neugierigen. Hier darf man nicht zu viel fragen. Und hier wird auch nicht viel nachgefragt. Ralfs Erfahrungen mit seinem kirchlichen Arbeitgeber waren auch so. Ich weiß, dass er darunter schwer gelitten hat.
Stille legt sich so über die eigene Erfahrung. Die Stille wirkt wie eine fortschreitende Enteignung. Der Faden, der Ralf mit Italien verband und am Leben hielt, wurde ihm nicht durchgeschnitten. Das nicht. Ich würde es eher als den Prozess einer Austrocknung bezeichnen.
Natürlich hat Ralf das gespürt und gewußt. Mit Macht hat er sich dagegen gestemmt. Sein Projekt „applaussissimo“, in das er soviel Leidenschaft Geld und Freundschaft gesteckt hatte, mit dem er Menschen italienische Musik und italienische Kultur näher bringen wollte, war dafür das sichtbarste Zeichen. Einige von Euch waren mit ihm unterwegs. Aber es waren zu Wenige, um daraus einen Erfolg zu machen. Seine ständigen Überlegungen, was er noch mit Bezug zu Italien machen könnte, hatten alle dasselbe Ziel, in allem war dieselbe Flucht zu spüren. Er hat mir lange erzählt über das Vorhaben, die neapolitanischen Kastraten in Deutschland bekannt zumachen. Cecilia de Bartoli sollte dazu möglichst ein Vorwort schreiben plus CD.
Dazu ist es nicht gekommen.
Stattdessen schrieb er diese Monographie über den Kirchenmusiker Carl Gerhardt, der ein reiches Oeuvre hinterlassen hat. Das ist zum Großteil noch unveröffentlicht.
Gerhardt fiel in letzten Straßenkämpfen um Berlin am 27. April 1945. Die Sätze, in die Ralf das Ende des Komponisten kleidet, habe ich jetzt noch einmal, und nun auch ganz anders gelesen. Sie lauten: Damit enden die Nachrichten über Carl Gebhardt als Musiker. Aufgrund des rasanten Vormarsches der Roten Armee, des immer deutlicher zutage tretenden Flüchtlingselends in Berlin und weiterer Bombenangriffe auf die Städte beschäftigte Carl permanent die Frage, wie alles weitergehen sollte.“
Beim ersten Lesen habe ich dabei nur an Carl Gerhardt gedacht.
Jetzt denke ich dabei an Ralf und seine Frage, wie es eigentlich weitergehen soll. Seine besten Freunde waren ihm gestorben. Rogacki, das er stark frequentierte, hatte für immer geschlossen. Es war nämlich einer der wenigen neapolitanischen Orte in Berlin. Hier konnte er recht gut und im Stehen essen konnte.
Tatsächlich sollte ich aber an mich denken. Ich hatte ihm meine Rezension geschickt und er hätte gern mit mir darüber gesprochen. Dazu ist es nicht gekommen. Nicht weil er zu früh gegangen ist, das auch. Aber hauptsächlich, weil ich nicht gegangen bin. Um die Lücke zu füllen, die sich da auftat. Es ist immer besser, ein Lebenszeichen zu geben. Für andere und für einen selbst. Denn irgendwann wird es zu einem Versäumnis, dass nicht mehr gut zu machen ist.
Das ist dann der Augenblick, in dem man Gründe dafür geltend macht oder Vergebung sucht. Doch ich denke, das darauf nur wenig Segen liegt, weder für einen selbst noch für einen kommenden anderen.
Sterben müssen wir alle.
Aber bis dahin ist es gut, die Neugierde in uns zu entdecken als unser Dixit Dominus. Ich glaube , Neugierde kann Leben retten. Eigenes und das Anderer.
Und außerdem glaube ich, dass meine Lektüre dieser Schlussworte von Ralf im Text über Carl, nicht zwingend ist. Ralf hatte gerade die Übersetzung einer Arbeit abgeschlossen, einen interessierten Verlag, den Musikwissenschaftlichen Verlag in Wien, gibt es auch, in dem es über die Grundsätze einer neuen Musiktherapie geht. Natürlich geschrieben von einem Italiener: Paolo Alberto Caneva.
Er kämpfte also bis zuletzt um seinen Leben erhaltenden Faden nach Italien. Hingebungsvoll, tapfer, bewundernswert. Ciao Ralf.