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Meine Kirche ist ein fauler Knecht, der seine Talente vergräbt

 

 

Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an; 15 dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und ging außer Landes. Sogleich 16 ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu. 17 Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu. 18 Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn. 19 Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen. 20 Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe fünf Zentner dazugewonnen. 21 Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du guter und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude! 22 Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe zwei dazugewonnen. 23 Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du guter und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude! 24 Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; 25 und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine. 26 Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe? 27 Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen. 28 Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat. 29 Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. 30 Und den unnützen Knecht werft hinaus in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern. (Mt. 25. 14-30)

 

Der Predigttext von den anvertrauten Zentnern -  und wie sie sonst auch noch heißen, hören wir gleich, ist ein Gleichnis.
Zu Beginn des Kapitels heißt es: Dann wird das Himmelreich gleich sein zehn Jungfrauen. Nachdem Jesus das Gleichnis von den 10 Jungfrauen erzählt hat - 5 kluge, die vorsorgen, und 5 törichte, die es nicht tun (man muss immer damit rechnen, dass der Bräutigam zu spät kommt, lehrt die Erfahrung) beginnt unser Abschnitt mit

Gleichwie ein Mensch, der über Land zog.

Also: das Himmelreich gleicht einem Menschen, der über Land zog. Der Mensch ist , wie wir gehört haben, nicht nur ein Mensch schlechthin, sondern er hat Knechte, oder Sklaven. Er ist ein Herr.

Was erzählt wird, ist ein Gleichnis. Gleichnis bedeutet: der Herr ist nicht Gott und ist nicht Jesus. Er gleicht höchstens dem einen oder anderen. Und da Vergleiche hinken, ist das hier auch nicht das Himmelreich. Sondern die Vorgänge ähneln ihm.

Dazu kommt, dass wir mit diesem Abschnitt keinen direkten Blick in das Himmelreich werfen können, sondern wir hören es nur in Form einer Erzählung Jesu.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Evangelist Lukas dasselbe Gleichnis erzählt, wenn auch anders, aber auch wieder aus dem Munde Jesu. Vermutlich ist das Gleichnis bei Lukas zuerst erzählt worden, und Matthäus hat es anschließend noch einmal erzählt. Aber einfacher.
Lukas hat 10 Knechte, Matthäus, unser Gleichnis, kennt nur 3.

Der Herr geht auf eine lange Reise, und gibt seinen Knechten große Geldsummen - nach ihrer Tüchtigkeit.

Nach ihrer Tüchtigkeit heißt wohl: je nachdem, als wie tüchtig sie ihm bekannt waren. Als von Tüchtigen erwartet der Herr sicher, dass sie mit dem Geld tüchtig etwas anfangen.

Man könnte jetzt schon einmal sagen: Der Herr gleicht Gott oder doch eher Jesus, der eine lange Zeit verreist ist, wie lange, wissen wir nicht, und lässt uns nach unserem Können Geld zurück, damit wir etwas damit tun.

Was ist das für Geld? Es heißt im griechischen und lateinischen Text Talentum, Talent. Mal 26 und mal 36 kg Silber. Also der erste Knecht bekommt mindestens 130 kg Silber anvertraut. Eine Bibelübersetzung von 1910 schreibt, ein Talent entspräche in etwas einem Wert von 9000 Mark.
Wir sehen, es kann durchaus in schwindelnde Höhen gehen.

So dass der Ausdruck „anvertraute Pfunde“ nicht so passend erscheint wie „anvertraute Zentner“.
Talent ist ursprünglich eine griechische Maßeinheit für Geld, soweit es nicht in Münzen ausgedrückt werden konnte. Ein Talent dann etwa 36 Kilogramm Silber. Ein ziemlicher Batzen.

Als Protestanten haben wir allerdings Schwierigkeiten, über Geld zu reden. Besonders wenn es da ist. Wenn es nicht da, fällt es uns schon leichter. Darum verwundert es nicht, dass wir am liebsten von der übertragenen Bedeutung des griechischen Talentes Gebrauch machen und sagen:

Jeder hat von Gott, unserem Herrn, Talente mit bekommen, Fähigkeiten, Tüchtigkeiten, durch die er zum Himmelreich beitragen kann und soll.

Am Ende, wenn der Herr dann wiederkommt, wird er sagen: Ich habe dir so viele Talente gegeben, du konntest singen, malen, predigen, Menschen trösten und schöne Häuser bauen. Und was hast du gemacht? Nur Geld gescheffelt. Du ungetreuer Knecht.

So etwa könnte eine evangelische Auslegung lauten - aber sie wäre eine hineingetragene Deutung. Es geht tatsächlich nicht um Eigenschaften, sondern um Geld.

Die Deutung von Talenten als mitgegebene Eigenschaften befördert in meinen Augen den Egoismus der Menschen. Denn er hält sie an, zunächst an die Ausbildung ihrer Eigenschaft zu denken, sich zu einer umfassenden Persönlichkeit herauszubilden.

Das Talent im Sinne von Geld kann man zwar auch Horten, sich einen Schatz anlegen in einem sicheren Tresor, aber man kann damit auch in die Welt hinein wirken, die richtigen Dinge unterstützen, es selber für einen arbeiten lassen.

Ehe wir uns dem Schlussurteil des Gleichnisses nähern, ist einiges interessant zu wissen. Niemand von den drei Knechten macht auch nur von Ferne den Anschein, als wolle er von dem Geld des Herrn etwas für sich behalten. Daraus kann man Schließen, dass es sich ausschließlich um nicht nichtjüdische Knechte oder Sklaven handelte. Denn jüdische Knechte hätten durchaus das Recht gehabt, etwas von dem Geld für sich zu behalten. Wir müssen also nicht aus der Vorhaltung des Herrn gegen den dritten Knecht schließen, sie seien antijüdisch gewesen, weil Juden doch keine Zinsen nehmen durften. Aber das war bestimmt nicht gemeint.

Auch finden Fragen der Gerechtigkeit in diesem Gleichnis keine Anwendungen. Der Herr teilt nicht willkürlich zu, und damit ungerecht, sondern nach Tüchtigkeit. Der erste war auch schon vorher der Beste, der kriegt 5, der nächste war auch nicht schlecht, der bekommt 2, und der Letzte war halt immer schon der letzte, der bekommt einen. Dann ist bei einer vorausgesetzten Verdoppelung der Schaden überschaubar. Hätte er ihm 5 gegeben, hätte er bei seiner Rückkehr nur seine 5, aber keine 10 vorgefunden. So fehlt in der Wunschrechnung 8= 16 nur 1, 8= 15.

Und auch das Schlussurteil: denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; aber aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden ist nur die genaue Beobachtung der geldlichen Dinge. Erfahrung eben. Das weiß jeder, das Geld sich zu Geld gesellt. Und, wie Thomas Mann gern formuliert: Geld heckt Geld. Hecken im Sinne von fortpflanzen, sich vermehren. Man möchte sagen, Geld ist schwul und vermehrt sich trotzdem. Es ist ein seltsames Element. Es legt sich zu sich selber und vermehrt sich. Das findet in diesem Gleichnis die Zustimmung der Herrn, der ganz gegen das Vergraben ist.

Obgleich das Vergraben von Geld als sichere Handlung galt - doch zu jeder Sicherheit gibt es eine Gefährdung Rabbi Schmuel hat gesagt:
Für Geld gibt es eine sichere Aufbewahrung nur in der Erde… und jetzt, wo es Erdaufwühler gibt

Gibt es eine Aufbewahrung nur hoch oben im Dachgebälk. Und jetzt, wo es Aufbrecher der Balken gibt
Gibt es Aufbewahrung nur zwischen den Steinschichten des Hauses. Und jetzt, wo es Klopfer gibt, die nach Hohlräumen in der Wand suchen

Hier ist interessant, dass der Herr des Gleichnisses sich nicht darüber erbost, dass der dritte Knecht ihn für einen harten Herrn hält, der schneidet, wo er nicht gesät und sammelt, wo er nicht ausgestreut hat. Diese Vorwürfe steckt der Herr einfach weg. Wo du das doch wusstest, hättest du mein Geld zu den Wechslern geben sollen. Es scheint, als nennte er ihn böse und faul, weil er das Geld vergraben und nicht hat arbeiten lassen.

Ja, was dann? Da heißt es: Reichet dar eure Hände den Armen nach Eurem Vermögen. Verberget nicht eure Schätze in der Erde.

 

Wir könnten nun sagen: Genauso machen wir es als Kirche. Wir reichen den Armen unsere Hände nach unserem Vermögen und verbergen unsere Schätze nicht in der Erde.

Wenn nicht das Gleichnis von den anvertrauten Talenten einen ganz anderen Schwerpunkt hätte: Denn die beiden ersten Knechte investieren das Geld, das sie von ihrem Herrn bekommen haben und verdoppeln schließlich den Einsatz.

Wo aber investieren wir als Kirche das Geld. Ich gebe zu, dass ich nicht auf dem neuesten Stand bin. Aber aus einem Gespräch mit einer Bankerin der kirchlichen Bank in Schleswig-Holstein im Jahre 1995 erinnere ich, dass sie sich geärgert hat, dass die evangelische Kirche nur ihr Geld ausgibt, aber nicht investiert. Es ist ihr unangenehm, Gewinn zu machen. Darin ähneln wir dem dritten Knecht, der sein Geld vergräbt, damit es ihm nicht gestohlen wird. Aber er lässt es nicht arbeiten, und setzt es nicht gewinnbringend ein.

Von diesem Gleichnis Jesu, das auch mit Himmelreich beginnt, ohne Artikel, schamajim, und damit sagt: „Bei Gott ist es so“ - macht unsere Kirche den schlechtesten Gebrauch und würde vom Herrn als unnützer
Knecht in die Finsternis geworfen, wo Heulen und Zähneknirschen sein wird. Griechisch heißt es nicht Zähneklappen oder Zähneklappern, wie Luther übersetzt hat um den Charakter der Angst zu verdeutlichen. Aber es ist eher Wut, die die Einwohner der Finsternis befällt über die vertanen Möglichkeiten.
Denn wir sind bisher der dritte Knecht, und dem geht es schlecht.
Amen.

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Theophil war der Vorname meines Vaters. Mein Vater wurde ein paar Monate vor meiner Geburt aus Russland als vermisst gemeldet. Durch meinen langen Aufenthalt in Italien hat sich der Name Theophil um ein erstes "h" und sein "ph", das zu "f" geronnen ist, verschlankt. Ich selber nicht.

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